Selbstzuschreibungen: „3. Klasse- Mensch“ ?

Neulich in der U-Bahn hatte ich eine Begegnung mit einem jungen Mann, der sich in der Mitte des Ganges aufstellte, einen zwar freundlichen, dennoch leicht provozierend wirkenden Gruß den anderen Mitfahrenden entgegenrief und um Geld für etwas zum Essen bat. Da ich noch ein belegtes Brötchen dabei hatte, gab ich es ihm, was er dankend honorierte.

 

Kurz darauf rief er wieder mit herausforderndem Blick: "Ich wünsche Ihnen allen einen guten Tag!!",  in der Erwartung eines Gegengrußes schaute er in Richtung der anderen Fahrgäste, die diesen aber nicht erwidern wollten, sondern im Gegenteil, betreten wegschauten. Er wiederholte seinen Gruß noch zweimal nachdrücklich, in dem er lauter wurde und das Ganze einen fast bedrohlichen Unterton erhielt- bis er ratlos mit den Schultern zuckte und sagte: "Naja, einen Menschen dritter Klasse muss man ja wohl auch nicht zurück grüssen! Das wäre jawohl das Mindeste gewesen! Jemanden, der freundlich grüsst, zurückzugrüssen! Aber ich weiß ja, ich als Dritte-Klasse- Mensch kann das wohl nicht erwarten!“

 

Das Bemerkenswerte für mich an dieser Szene war, dass diesen jungen Mann zunächst rein äußerlich überhaupt kein Unterschied zu den anderen Mitfahrenden anzusehen war, er war normal gekleidet und gab auch sonst keinen Anlass, ihn als Aussenseiter wahrzunehmen. Bis eben genau zu dem Zeitpunkt, an dem er sich erhob und zu sprechen begann.  Mich berührte diese Szene sehr, da für mich offensichtlich war, dass dieser junge Mann durch sein auffälliges Verhalten eine Reaktion erzeugte, die ihn offensichtlich sehr frustrierte.

 

 Ich schaute ihn daraufhin an und sagte: "Naja, wenn Sie das selber so sagen..?" Er schaue mich erstaunt an- wie ich annehme auch deshalb, weil überhaupt jemand auf ihn reagierte- und erwiderte: „Ja? Aber ist es nicht so? So denken die doch! Ich bin hier doch nur wieder der Dritte- Klasse- Mensch! “ „..wenn Sie anders gesehen werden wollen, müssten Sie bei sich selber anfangen…“ „...schwierig….“..er sah mich mit nachdenklichem Gesichtsausdruck an. Kurz danach musste ich aussteigen, doch dieser kurze Dialog hing mir noch den ganzen Tag lang nach.

 

Gerne hätte ich mich noch weiter mit diesem jungen Mann unterhalten, der so verzweifelt nach Kontakt und grundlegender Bestätigung, als gleichwertig von anderen Menschen behandelt und wahrgenommen zu werden, suchte...und zugleich Verhaltensweisen an den Tag legte, die genau dies verhinderten.

 

 Ich wünsche mir, dass unsere kleine Begegnung in der U-Bahn nicht nur bei mir sondern auch bei ihm zumindest einen kleinen Nachhall erzeugt hat, der ein bisschen Licht auf genau diesen wunden Punkt werfen konnte, denn das dahinterstehende Leid schien groß.

 

 Mir selbst hat es nochmals deutlich gemacht: Wir sind das, was wir selbst in uns sehen und glauben; und viele der Reaktionen, die wir aus unserer Umwelt erhalten sind im Grunde Reflektionen auf unser Selbstbild, das sich in kleinsten (und natürlich auch größeren) unbewusst motivierten Manifestationen an der Oberfläche zeigt. In einem ungünstigen Fall wie diesem enthält es Abwertungen, die bishin zur Selbstverachtung- und -degradierung reichen. Kein Mensch ist ein „Dritter-Klasse-Mensch“- da jeder Mensch naturgemäß den gleichen grundlegenden Wert hat- doch wenn sich jemand selbst damit etikettiert- bzw. sich dieses Etikett aus früheren Erfahrungen heraus selbst zuschreibt- wird er genau alle Reaktionen, die er mit dieser Zuschreibung verbindet- in diesem Fall Ignoranz- unbewusst immer wieder provozieren und damit von außen bestätigt bekommen. Wenn das „Außen“ unser Spiegel ist, dann gerade für die Stellen, die unsere blinden Flecke darstellen.

 

Und wenn ich selbst einen Einfluss auf das Gespiegelte habe- dann geht es darum, das eigene Bild von sich selbst so zu gestalten, das man gerne und mit einem guten Grundgefühl „in den Spiegel“ schaut, in der Gewissheit, etwas Positives darin finden zu können.

 

 

 

 

 

 

 

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