Sterben und Abschied

Der Tod eines geliebten Menschen geht an niemandem spurlos vorbei, und im Verlauf nahezu jeden Lebens kommt es früher oder später zu dieser Erfahrung.

 

Der damit verbundene Schmerz kann so tiefgreifend sein, dass er an den Grundfesten unseres eigenen Seins rüttelt und unser ganzes Leben ins Wanken bringt.

 

Fortwährend bewegen wir uns auf dem Grad zwischen Leben und Sterben, wandeln seit unserer Geburt auf einer Linie zielsicher dem irgendwann sicher eintretendem Tod entgegen. Und trotz dieser Gewissheit verbannen die meisten Menschen das Thema Tod und Sterben fast vollkommen aus ihrem Bewußtsein- denn das Unbegreifliche wiegt so schwer, dass es unerträglich und lähmend scheint.

 

Erst wenn er unausweichlich vor der Tür steht oder bei nahestehenden Menschen eingetreten ist, ist man gezwungen, sich damit zu befassen und einen Blick in das Unfassbare zu wagen.

 

Als ehrenamtliche Sterbebegleiterin bin ich im engen Kontakt mit Menschen, die zum Beispiel wegen einer schweren Krankheit in Angesicht ihres eigenen Todes stehen; oder aber als Angehörige den Verlust eines Menschen verkraften (werden) müssen, der ein wichtiger und unabdingbarer Bestandteil ihres Lebens ist. Wie Menschen mit solchen Situationen umgehen ist höchst unterschiedlich, kann aber mit-entscheidend dafür sein, wie der Verlust letztendlich verarbeitet und in das eigene Leben integriert werden kann. Unsicherheiten darüber, ob und wie man mit den Betroffenen darüber reden sollte, oder als Selbst-Betroffener den Angehörigen „zumuten“ kann, über den eigenen, bevorstehenden Tod zu sprechen, können dazu führen, dass dem Thema weitgehend aus dem Weg gegangen und bis zuletzt geleugnet wird.

 

Dabei kann gerade diese Phase eine letzte und wichtige Chance sein, mit den Betroffenen in einen tiefen Kontakt zu gehen, ihn auf seinem Weg mit allen damit einhergehenden Gefühlen zu begleiten und auch z.B. seine letzten Wünsche zu erfragen, Konflikte zu klären, wichtige Dinge noch gesagt zu haben.

 

Einen solchen gemeinsamen Weg des Abschieds zu gehen ist sicher nicht leicht, kann aber den anschließenden Trauerprozess erträglicher machen und den Betroffenen das Gefühl geben, guten Gewissens gehen zu können- und ihn besser gehen lassen zu können.

 

Nicht immer gibt es überhaupt diese Möglichkeit, denn der Tod tritt in manchen Fällen völlig unerwartet ein, wie zum Beispielen bei Unfällen.

 

Gerade der plötzliche Verlust eines geliebten Menschen reißt ein riesengroßes Loch in die eigene Lebenswirklichkeit, bishin zu einem schockähnlichem Erleben, das lähmend ist und von einem Gefühl der Hilflosigkeit und Ausgeliefertheit begleitet ist.

 

Auch unser Verständnis davon, wer wir selbst sind, ist tief verwurzelt mit den Menschen, die wir lieben, auf die wir uns innerlich beziehen oder mit denen wir wesentliche Aspekte unserer eigenen Lebensgeschichte verbinden. Sind diese plötzlich nicht mehr da, findet auch an dieser Stelle ein Umbruch im eigenen Leben statt, der zusätzlich zu der ohnehin schon vorhandenen Trauer überfordern kann.

 

So schwer und unerträglich das Thema Tod für uns ist, so wichtig und heilsam kann es sein, sich ihm bereits in Lebensphasen, in denen man nicht unmittelbar davon betroffen ist, als Teil des Lebens anzunähern und als Realität, die früher oder später jedem von uns begegnen wird, anzunehmen. Das wird zwar die Tiefe des Schmerzes die damit verbunden ist, nicht lindern können, doch der Schrecken, der uns mit diesem Thema ergreift und das damit verbundene Unverstehbare kann etwas erträglicher werden.

 

 Die Annäherung an Fragen danach, was nach dem Tod geschehen wird, ist höchst individuell und kann jeder Mensch nur für sich selbst beantworten. Dafür kann es hilfreich sein, sich in einer entspannten Atmosphäre diesen Themen anzunähern, in sich hineinzuhorchen und damit die eigene Einstellung zum Tod zu reflektieren und bewusster zu machen.

 

Wie wir mit Verlusten umgehen können, hängt im großen Maß auch davon ab, welche Erfahrungen wir bisher damit gemacht haben, wie tiefgreifend diese waren und wie gut wir sie verarbeiten konnten. Sich selbst ein Bewusstsein über den eigenen Hintergrund und über eventuell noch nicht verheilte Wunden zu verschaffen, kann davor schützen, in ein noch tieferes Loch zu fallen, bzw. kann dabei helfen, sich selbst und den eigenen Umgang mit dem Tod noch besser und tiefer zu verstehen. 

 

 Was wir letztendlich suchen und brauchen, wenn wir trauern, ist Verständnis und trostgebende Gedanken, wie zum Beispiel eine gewisse Sinnhaftigkeit, die uns diese Erfahrung in ein größeres Ganzes einbetten lässt und die Konzentration auf schöne Erinnerungen, sowie Dankbarkeit dafür, diesen geliebten Menschen in diesem Leben begegnet zu sein. Schließlich schmerzt der Verlust deshalb, da wir vorher etwas ganz Wertvolles hatten, was wir gerade deswegen nicht loslassen möchten.

 

 Jede diesbezügliche Erfahrung rührt letztlich an ganz grundlegenden Fragen unserer eigenen Existenz, und lässt uns darüber auch nochmal unser eigenes Leben aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten und in Frage stellen. Darin liegt letztlich der Wert, den die Auseinandersetzung mit dieser Thematik hat- den Tod als Teil des Lebens zu begreifen; und in Anbetracht der eigenen Vergänglichkeit den Wert des Lebens, der Begegnungen und der Zeit, die wir haben, gebührend zu schätzen und unser Leben, solange wir es haben, möglichst zu genießen.

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Axel (Mittwoch, 30 August 2017 10:10)

    Sehr sehr schön geschrieben �